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Im Oktober 2009 besuchte Steffi König
das CRAC. Sie berichtet:
„Mein besonderes Anliegen war der
Besuch des Zentrums für Kinderrechte (CRAC) in Piduguralla.
So machten sich mein indischer
Begleiter Ratnam und ich zu der zweistündigen Autofahrt von Guntur nach
Piduguralla auf. Während der Fahrt fiel mit schon auf, wie sich die Vegetation
vom saftigem Grün der Reisfelder in eher karges, steiniges Gelände veränderte.
Während der Fahrt berichtete mir Ratnam, wie CARDS überhaupt in diese Gegend
gekommen war. Es waren Studenten aus Piduguralla, die im „Rural Christian Junior
College“ von CARDS eine Ausbildung gemacht hatten, die ihre Lehrer auf die
unmenschliche Situation der Familien und Arbeiter im Kalksteinwerk aufmerksam
machten. Im Jahr 1985 nahm CARDS dort ihre Arbeit auf.
„Piduguralla“ bedeutet auf Deutsch
„Donnerstein“, was von den vielen Sprengungen im Kalksteinbruch herrührt. Von
1.000 Kalkbrennöfen im Jahre 2004 gibt es heute noch 700 in dieser
kalksteinhaltigen Gegend, pro Ofen 30 Arbeiter, insgesamt also 21.000 Menschen,
die dort leben und arbeiten. Davon sind 10 % Kinder – 2.100 Kinder, die dort
das ganze Jahr über arbeiten“, erklärt mir Ratnam und da wird mir erst einmal
bewusst, wie viele Kinder hier Jahr für Jahr zwischen Kalkstaub und Hitze ihre
Eltern bei der Arbeit unterstützen müssen, weil das Geld sonst nicht reicht, um
die Lebensmittel für den nächsten Tag kaufen zu können.
„Es gibt zwei Gruppen von
Arbeitern“, fährt Ratnam fort, „die ortsansässigen Einwohner von Piduguralla
sind für die Sprengungen verantwortlich, sie verdienen auch relativ gut. Die
meisten Arbeiter jedoch sind Migranten, die oft von weit her kommen, da sie in
ihren Dörfern nur saisonal als Landarbeiter Arbeit finden und die Kalköfen das
ganze Jahr brennen. Oft sind es Schulden, die sie hierher führen oder sie müssen für die hohen
Mitgiftforderungen für die Hochzeit ihrer Töchter Geld verdienen. Aus diesen Gründen nehmen die
Migrantenfamilien auch die Niedrigstlöhne, die sie im Kalksteinwerk erhalten,
in Kauf. Kinder verdienen
höchstens 1 €, Männer und Frauen
zwischen 1,50 € und 2 € am Tag. Es ist viel leichter Migranten auszubeuten. Die
Arbeitszeiten liegen wegen der Hitze von 2:00 Uhr nachts bis 11:00 Uhr morgens und dann noch einmal von 17:00-20:00
Uhr abends. Die Migrantenfamilien, die dieses Jahr gekommen sind, leben direkt
neben den Kalksteinöfen in schäbigen Blätterdachhütten. Familien, die schon
länger hier leben, haben sich ihre Hütten oder Häuser außerhalb der
Fabrikmauern gebaut. Die Arbeiterfamilien sind den ganzen Tag dem Staub der
Kalksteinöfen ausgesetzt, der zu Lungen- und Hautproblemen führt. Da die
Kalksteine in Körben auf dem Kopf transportiert werden, leiden vor allem die
Kinder unter chronischem Kopfweh und Wachstumsproblemen. „Die Arbeitsbedingungen
haben sich in den letzten 10 Jahren zwar schon gebessert“, meint Ratnam, aber
ich frage mich sofort, wie es dann hier vor 10 Jahren ausgesehen hat. Ich finde
es jetzt schon sehr bedrückend. Er fährt fort: „die Steinkörbe müssen nicht mehr von Hand nach oben zur
Ofenöffnung getragen werden, dies erledigen jetzt die Förderbänder automatisch.
Das hat allerdings zum Nachteil, dass viele Familien nach Einführung der Bänder
plötzlich arbeitslos waren.“
In dieser Siedlung liegt auch das
CRAC. Bei unserer Ankunft fällt mir sofort die rotbemalte hohe Säule am Rande
der Siedlung auf, die von zwei Gebäuden mit roter Fassade umgeben ist. Auf
meine Frage hin erklärt mir Ratnam, dass es sich hier um einen Stützpunkt der sogenannten „Naxaliten“ handelt,
einer militanten Guerilla-Gruppe, die mit Waffen gegen Großgrundbesitzer und
staatliche Institutionen vorgeht. Gerade unter den armen Migrantenfamilien
erfreuen sich die Naxaliten regen Zulaufs, da den Männern oft der Rückhalt
ihres Dorfes oder ihrer Familie fehlt. Die Naxaliten werden von der indischen
Regierung verfolgt und kommen nur nachts in die Siedlung, nachdem sie überall
die Hauptsicherungen für die Stromversorgung herausgedreht haben, damit sie
unerkannt zu ihren Treffen oder auch Familien kommen können.
Auf dem Fußweg zum CRAC bemerkt man
sofort, dass hier überall Wassermangel herrscht. Die Brunnen führen nicht das ganze Jahr über Wasser und um Wasser
zu kaufen, fehlt es den meisten an Geld.
Hier kann ich auch fotografieren,
auf dem Kalksteinwerk-Gelände muss man vorsichtig sein. Journalisten sind dort
grundsätzlich nicht erlaubt, schon gar nicht, wenn Gefahr besteht, dass sie
ihre Bilder in der ind. Presse veröffentlichen. Bei Ausländern wird es
geduldet.
Dann erreichen wir das CRAC und ich werde von den Jungen und
Mädchen mit einem Regen aus Blütenblättern und einem Willkommenslied begrüßt.
Suvarna Babu (30), ein körperbehinderter ehemaliger Student des CARDS-Colleges
ist seit 3 Jahren der Leiter des CRAC und Hasima, die Lehrerin, die mit ihrem
Mann, einem LKW-Fahrer und ihren 3 Kindern in der Siedlung lebt, begrüßen mich
herzlich. Dann begeben wir uns in das kühle Innere des Gebäudes und die ca. 40
Kinder setzen sich mir gegenüber artig auf den Boden.
Zuerst singen sie mir ein Lied, ich
erzähle ihnen, wer ich bin und dass meine Tochter auch in ihrem Alter
ist. So nach und nach tauen die Kinder auf und erzählen mir, wie sie ins CRAC
kamen. Jakira (10) arbeitete für 1 Jahr im Kalksteinwerk, dann haben sich ihre
Eltern entschieden sie zur Schule ins CRAC zu schicken, da sie nicht wollten,
dass sie ihr Leben lang die gleiche Arbeit wie sie machen müsse. Hankama (11)
ist erst in der 3. Klasse, da sie sehr spät zur Schule kam, aber für Suvarna
Babu ist das Alter der Kinder zweitrangig, wichtig ist, die Kinder überhaupt ans
Lernen heranzuführen und ihnen – egal wann – einen Schulabschluss zu
ermöglichen. Sirisha (10), deren Mutter im Kalksteinwerk arbeitet und deren
Vater Schneider ist, lebt seit 10 Jahren in der Siedlung. Anfangs ging sie mit
ihrer Mutter zur Arbeit, musste Steinkörbe tragen, Steine brechen oder im
erloschenen Ofen nach Kohle oder unverbrannten Steinen suchen. Dann konnte
CARDS die Eltern davon überzeugen, ihre Tochter in die Schule zu schicken. Die
Eltern erhalten als Ausgleich 200 Rp. (ca. 3 EUR) im Monat, anfangs waren es
100 Rp, aber durch die starke Inflation in Indien reichte dieser Betrag nicht
mehr aus, um die Eltern vom Schulbesuch der Kinder zu überzeugen.
Die meisten Kinder sind zwischen 6 und 10 Jahren alt, aber ich entdecke
auch jüngere Geschwister. Nach einer Tanzaufführung einer Gruppe von Jungen und
Mädchen packe ich meine mitgebrachten Geschenke aus, verschiedene
Kinder-Puzzles. Wir bilden drei Gruppen und schon beginnen die Kinder
begeistert zu puzzlen. Es entsteht die Europa- und die Weltkarte und die
Jüngeren versuchen sich an Tierpuzzles. Die Kinder sind hochkonzentriert und
ich merke, dass jede Gruppe zuerst fertig sein möchte. Die Spannung steigt und
unsere Gruppe gewinnt das Wettrennen. Ich habe natürlich ein bisschen
nachgeholfen. Ich glaube, es hat allen Spaß gemacht.
Ich frage Suvarna Babu nach seinen
Erfahrungen mit der Arbeit im CRAC und er erzählt mir, dass er sehr froh ist,
diese Stelle als Leiter des CRAC von CARDS erhalten zu haben. Mit seiner
Körperbehinderung war er von Kind auf vom allgemeinen Dorfleben ausgegrenzt,
doch mit Hilfe seiner Eltern hat er eine gute Schulausbildung erhalten und nach
dem Besuch des CARDS-College schließlich die Leitung des CRAC übernommen. „Hier
werde ich von allen respektiert, obwohl ich behindert bin und das ist
außergewöhnlich in Indien“, erzählt er und „es ist manchmal sehr schwer für
mich mit anzusehen, unter welchen Umständen die Eltern und die Kinder im Kalksteinwerk arbeiten müssen,
wenn ein Elternteil krank wird, wird die ganze Familie krank, weil sie nicht
mehr genügend Einkommen haben, dann müssen die Kinder auch mit arbeiten gehen,
obwohl Kinderarbeit schon lange verboten ist,“ meint er abschließend.
Nach der Spielrunde begeben wir uns
auf einen Rundgang über das Gelände des CRAC. Mir fällt auf, dass die
Einrichtung der Räume recht spartanisch ist, aber Ratnam erklärt mir, dass das
CRAC von den Naxaliten geduldet wird, CARDS jedoch darauf achtet, dass keine
begehrenswerten Einrichtungen, wie z.B. ein Fernseher oder Computer im CRAC hingestellt
werden, da die Naxaliten diese sofort einfordern würden. CARDS hat sich von
jeher von Gewalt distanziert und hat keine Kontakte zu der Gruppe, aber die
Naxaliten erkennen die gute Arbeit von CARDS an und dulden das CRAC inmitten
„ihrer“ Siedlung, solange ihnen niemand schadet. Mir wird klar, dass Suvarna Babu einen äußerst schweren Job hat
und wahrscheinlich oft zwischen zwei Stühlen sitzt. Ich bewundere diesen kleinen selbstbewussten Mann, dem
ausschließlich die Bildung der Dalit-Kinder am Herzen liegt. Ratnam erzählt
mir, dass es schon öfters vorgekommen ist, dass sich Suvarna Babu den Naxaliten entgegen
gestellt und
sie vertrieben hat.
Mein Besuch neigt sich dem Ende zu
und als ich auf dem Flachdach des Unterrichtsgebäudes stehe, sehe ich auf der einen
Seite die Brennöfen, die das Leben von Tausenden von Familien hier bestimmen
und auf der anderen Seite die lachenden und spielenden Kinder vom CRAC, die
hier zur Schule gehen und noch Kind sein dürfen. Mit diesem Eindruck verlassen
wir das Kinderarbeiterzentrum und auf der Rückfahrt wird mir klar, unter welch
schweren Bedingungen CARDS in Piduguralla arbeitet und dass es bestimmt oft
eine Gratwanderung bedeutet, unter den Augen der Naxaliten den Kindern
Für das
kommende Jahr ist die Bohrung eines Trinkwasserbrunnens auf dem CRAC- Gelände
geplant, da der vorhandene Brunnen nicht tief genug ist und in der Trockenzeit
Wasser hinzugekauft werden muss. Gleichzeitig sollen die Toilettenanlagen
ausgebaut werden, die oft wegen Wassermangels nicht genutzt werden konnten.
Auch sollen ein Wasserfilter und Sportgeräte angeschafft werden.“
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