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Bei strömendem Regen machten wir uns auf zu unserem Besuch des Odenwälder Freilandmuseums nach Gottersdorf bei Walldürn. Der Besuch eines "Historical Museum" stand auf der Wunschliste unserer Gäste aus Indien.

Aus vorangegangenen Besuchen z.B. im Freilichtmuseum Wackershofen 2011 freuten wir uns auf einen schönen Tag - trotz Regen! -, bei dem auch wir zusammen mit ihnen etwas über die Geschichte unserer Region lernen und erfahren würden. Kaum angekommen, rissen die Wolken auf, der Regen tröpfelte kurz nach und die Sonne strahlte herab. Super Timing!

Vielen Dank dafür, dass sie uns das schöne Wetter mitgebracht haben!" begrüßte uns dann auch der Museumsleiter und gab uns auf Englisch eine freundliche Einführung über das Museum und zum Thementag.

Der Studienkreis Militärgeschichte Königswinter gestaltete hier an diesem Wochenende sog. Living History: "Vor 70 Jahren - die Stunde Null - der erste Sommer im Frieden".

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Ein US- Militärjeep kam angefahren und schneidig stieg ein Herr in Originaluniform aus, der sich als Verantwortlicher des Studienkreises vorstellte. Gemäß seiner Rolle als US- Militär des Jahres 1945 erklärte er uns in einwandfreiem Englisch das Thema der heutigen Veranstaltung, das hier zum besseren Verständnis von Geschichte "lebendig" dargestellt wurde:

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Im gesamten Museumsgelände wurde die Situation des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands 1945 dargestellt, hier am Beispiel Gottersdorf, besetzt von den US-Streitkräften. Der Krieg war vorbei, Deutschland besiegt und die Zukunft ungewiss. Viele Ehemänner und Söhne waren gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft. Die zurückgebliebenen Frauen mussten sich und ihre Kinder irgendwie durchbringen.

Es gab Flüchtlinge und Vertriebene auf der Durchreise oder auf der Suche nach einer neuen Heimat, die ersten Kriegsheimkehrer, sog. Hamsterer aus den zerbombten Städten und der Schwarzhandel begann zu blühen.

Die im Ort stationierten US-Streitkräfte und die Bewohner des Dorfes standen sich mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber, eine Verbrüderung mit den Besiegten war untersagt, die Sprachbarrieren waren hoch und erst nach und nach gab es erste soziale Kontakte.

Dies sei die Situation, in die wir uns heute hineinbegeben würden. Als Besucher wären wir sozusagen unsichtbar und könnten uns frei auf dem Gelände bewegen, Fragen stellen sei erlaubt und erwünscht. Die "US-Streitkräfte" sprächen natürlich alle englisch, "yes, of course". Und die Dorfbewohner sprächen nur deutsch und untereinander verstände man sich eher schlecht, "that´s the situation on the countryside in 1945". Auf dem Land sprach damals kaum jemand ein paar Worte Englisch.

Wir begaben uns also gespannt in das Dorf, nicht so wirklich wissend, was hier stattfinden sollte. "Living History" erlebten wir alle zum ersten Mal...

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Bald kamen wir an eine Personenkontrolle, bei der ein Mann seine Papiere zeigen und alle seine Taschen und seinen Rucksack leeren musste. Als wir mit den "Soldaten" und dem "Zivilisten", der kontrolliert wurde, ins Gespräch kamen, fiel bei uns allen endlich der sprichwörtliche Groschen, was hier gespielt wurde.

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Ratnam, der bei CARDS maßgeblich für die "Body Theatres" verantwortlich ist, bekam leuchtende Augen, als ihm aufging, dass alle eine vorgegebene Rolle spielten und in dieser in verschiedenen Szenen und Situationen improvisierten. Begeistert tauschte er sich mit den Soldaten-Darstellern aus, während wir anderen uns umschauten und alles mit anderen Augen zu sehen begannen.

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Ja, alle "Zivilisten" sahen aus wie aus Filmen der 1940er Jahre oder die Tanten unserer Eltern auf alten Fotos, Kleidung, Frisuren...

 

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Und was war da alles im Rucksack des Mannes? War das ein Schwarzhändler oder ein Handwerker? "Why do you have three pairs of shoes? You just have one pair of feet??" Schuster oder Schwarzhändler? Kriminell oder auf der Suche nach Essbarem zum Eintauschen?

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Es war wirklich sehr interessant und lehrreich, alles zu beobachten und mit den Protagonisten zu sprechen, auf Deutsch mit den "Besiegten" und auf Englisch mit den "Besatzern". Man erkannte auch die Unsicherheit auf beiden Seiten im Umgang miteinander, Freund oder Feind?

Ich erzählte, dass mein Vater und Arnold Paulus, den Ratnam und Mary kannten, als sehr junge Männer in diesen Krieg hatten ziehen müssen und beide in Gefangenschaft gerieten. Auch Steffi kannte Erzählungen ihres Vaters aus der Nachkriegszeit und so wurde auch den Jüngeren in unserer Gruppe bewusst, dass dies alles jüngere Geschichte ist und es noch Menschen gibt, die sich erinnern.

In den Gebäuden des Museums lebten die mitwirkenden "Zivilisten" für dieses Wochenende. Im Herd brannte ein Feuer, es wurde gekocht, karges Essen nur auf Lebensmittelkarten, glücklich waren die, die einen Gemüsegarten hatten./Im Rathaus sprachen wir mit dem von der Army eingesetzten Bürgermeister, der uns seine vielfältigen Aufgaben schilderte, bis ein "Heimkehrer" kam, der seine Papiere neu erstellen lassen wollte und er seinen Pflichten nachkommen musste.

Wir schauten uns im ganzen Haus um und erlebten mit, wie zwei "GIs" in einem Kleiderschrank eine Wehrmachtsuniform entdeckten: "What the hell is THIS?!", was zu einigen Turbulenzen führte. Der Bürgermeister kam in Erklärungsnot, der Besitzer der Uniform war zuerst unauffindbar.

Weiter ging es in Richtung US-Lager. Zelte standen aufgereiht, Funkstation, Kochzelt und eine Sanitätsstation waren aufgebaut, wo Deutsche wie Amerikaner medizinisch versorgt wurden.

Natürlich fiel unsere Gruppe ziemlich auf, was aber nur von Vorteil war, denn wir kamen leicht ins Gespräch. Auch unsere indischen Gäste hatten keine Scheu, alles zu erfragen, was sie interessierte.

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Die Suchmeldungen an einem Scheunentor machten uns betroffen. Die Frau mit ihren Töchtern und einem Säugling, die einen Handwagen mit ihren letzten Habseligkeiten hinter sich her zog, erinnerte uns an die vielen Menschen, die auch heute vor Krieg und Gewalt auf der Flucht sind.

Im Dorfzentrum, bei Post, Schmiede und Rathaus setzten wir uns auf eine Wiese und beobachteten längere Zeit das Kommen und Gehen. Wir sprachen über das, was wir gesehen hatten und was sich vor uns abspielte. Ein interessanter Austausch, denn alle zusammen waren wir eine Gruppe von 15 bis 58 Jahren, Männer und Frauen, dazu noch die indische Perspektive und die Erinnerungen, die in den Familien Paulus und König weitergegeben worden waren.

Bei ihrem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Neckarelz hatten die Inder erfahren, wie Deutschland Täter war. Heute hätten sie gesehen, wie es nach Kriegsende für die besiegten Deutschen gewesen sei. Diese Zeit sei sicher sehr schwer gewesen, gerade auch wegen der schrecklichen Verbrechen, die von vielen Deutschen "im Namen des Volkes" begangen worden waren.

Nachdem wir uns, weil es so eindrücklich war, länger als geplant im Geschehen aufgehalten hatten, kehrten wir noch ins Gasthaus des Museums ein.

In der Region um Gottersdorf, dem Bauland, wird Grünkern produziert, also war klar, dass man Grünkernsuppe isst. Sie schmeckte auch den Indern sehr gut.

Kaum traten wir die Heimfahrt nach Dühren an, war es auch mit dem Sonnenschein wieder vorbei: es goss wieder wie aus Kübeln!/Zweimal mussten wir sicherheitshalber am Straßenrand anhalten, der starke Regen und dann auch noch heftiger Hagel nahm uns die Sicht zum Autofahren.

Das führte im Nachhinein zu weiterem Verständnis der Inder für uns Deutsche: Sie hätten sich schon anfangs gewundert, was wir immer mit dem Wetter hätten, ja, wir würden viel über das Wetter reden! Jetzt hätten sie ja in den drei Wochen bei uns sehr unterschiedliches Wetter erlebt: zuerst schönes, warmes Sommerwetter, dann warm aber mit Regen, gefolgt von "really, really cold", sprich 13°C, mit und ohne Regen und heute von allem etwas, gekrönt von Eisregen, der einem jede Sicht nahm. Sie würden jetzt verstehen, warum das Wetter bei uns immer ein Thema sei, schließlich ändere es sich ja dauernd.

Und tatsächlich erkennen wir das selbst, wenn wir darüber nachdenken...

Wir sehen uns bei den üblichen Besprechungen über das Programm mit der Gruppe an jedem Tag oder Abend des Besuches und ein Thema ist auf jeden Fall:

"Wie wohl das Wetter wird?... Hoffentlich passt das Wetter... Morgen soll ja schönes Wetter sein!... Hoffen wir auf gutes Wetter... Die Wettervorhersage sagt Regen voraus.... Morgen soll wieder die Sonne scheinen... Hoffentlich wird es nicht zu heiß... Oh nein, am Wochenende soll es wieder schlechteres Wetter geben... Am Abend soll´s dann gottseidank besser werden, das Wetter"

Sie haben Recht, die Inder! Und immer teilen wir ihnen mit, wie die Wetteraussichten sind, of course, man muss ja hier auf alles gefasst sein..... Das kann eine/n schon verwundern, der/die in einer Gegend mit zwei Jahreszeiten lebt, entweder Trocken- oder Regenzeit./Man lernt doch immer wieder was Neues - über unsere Inder und über sich selbst.

Ein sehr schöner Tag mit ganz unterschiedlichem Wetter und unterschiedlichen Erkenntnissen!

Bericht Ria Paulus, Fotos Xaver Huber

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