Ein Tag im "Zentrum für Kinderrechte" in Piduguralla


Es ist der letzte Tag unseres Aufenthaltes bei CARDS in Guntur. Auf dem Weg in die Hauptstadt Hyderabad liegt ungefähr auf halber Strecke das riesige Steinbruchgebiet, in dem in über 1.000 Kalkstein-Brennöfen jede Nacht der im Straßenbau begehrte Branntkalk entsteht.


Unser Wagen kann nicht direkt zum Kinderzentrum fahren, da die Straßen durch den Regen der vergangenen Tage aufgeweicht sind.

 

 

 

 

 

 

Unsere Begleiterin Mary, die Koodinatorin des CRAC-Kinderzentrums, führt uns durch die Wohngebiete der Dalit-Familien. 

Auf unserem Weg zum Kinderzentrum treffen wir auf eine Frau, deren Kinder tagsüber im CRAC betreut werden. Sie ist gerade auf dem Weg zu ihrer Mittagsschicht. Die Tagelöhner arbeiten von morgens vor Sonnenaufgang bis zum Mittag und von nachmittags bis spät abends in den Kalksteinbrüchen. Während der großen Mittagshitze gehen die Frauen nach Hause. Die Frau trägt die typische Kleidung der Steinbrucharbeiterinnen: ein Männerhemd über ihrem Sari und ein Kopftuch. Sie freut sich sehr uns zu treffen und erzählt uns, wie froh sie ist, dass ihre Kinder im CRAC zur Schule gehen können und tagsüber, wenn sie und ihr Mann im Steinbruch arbeiten, gut betreut und gefördert werden. Wir laufen weiter und müssen immer wieder unsere Schals vor den Mund nehmen, da uns Kalkstaubwolken vom Gelände der Brennöfen entgegen wehen. Es ist unvorstellbar, dass die Menschen hier tagtäglich diesem Staub ausgesetzt sind und, obwohl wir die Situation aus Bildern gut kennen, ist die Realität noch bedrückender.

Als wir uns dem Schulgelände nähern, hören wir aufgeregte Kinderstimmen durcheinander rufen, wir werden also schon erwartet und herzlich im Kinderzentrum begrüßt, nach indischer Tradition mit Blumen und Blütenblättern bestreut und mit dem CARDS-Willkommenslied „We welcome you in the holy name of Jesus…“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zuerst besuchen wir die Kinder der 1. u. 2. Klassen und schweigend schauen sie uns mit staunenden Augen an. Als wir beginnen Bananen unter den Kindern zu verteilen, verlieren sie zunehmend die Scheu und beginnen uns kleine Reime und Lieder, die sie hier gelernt haben, vorzutragen.

Ich entdecke im Hintergrund ein kleines Mädchen und Mary erzählt uns ihre Geschichte: Bhavani* ist vier Jahre alt und lebt mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihren zwei Brüdern in Piduguralla. Als ihre Mutter starb, zog ihr Vater mit ihr und ihrem älteren Bruder auf das Gelände der Kalksteinfabrik. Dort lernte er seine zweite Frau, ihre Stiefmutter kennen und sie bekam noch ein Kind. Ihre Eltern müssen beide arbeiten gehen und so sind die Kinder den ganzen Tag unbeaufsichtigt zu Hause, spielen und springen herum. Da kommt  es schon mal vor, dass sie das Essen vergessen oder nichts zum Essen haben. Ihre Eltern hätten sie gerne in die Schule geschickt, da sie es für sehr wichtig halten. Sie können jedoch den kleinen Bruder (2 Jahre) weder zur Arbeit mitnehmen, noch alleine zuhause lassen. Zum Glück haben ihre Eltern über einen CARDS-Mitarbeiter erfahren, dass es im CRAC auch einen Kindergarten gibt, so dass jetzt alle drei Kinder hierher gehen können.

 

Ein weiteres Mädchen der Klasse möchte uns ihr mitgebrachtes Essen zeigen, sie öffnet ihre Lunchbox und erklärt uns, dass die drei Dosen Reis für sie und ihre zwei Geschwister bestimmt seien. Die Beilage besteht aus einer winzigen Schale scharfer Soße, die sich die drei teilen müssen. Es fällt mir schwer, meinen schockierten Gesichtsausdruck zu verbergen. Ich bemerke, dass viele der Mädchen eine rötliche, eher dunkelblonde Haarfarbe haben. „Das ist auf Vitaminmangel und Fehlernährung zurückzuführen“, erklärt mir Mary.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir verabschieden uns von den Kleinen mit einem Gruppenbild und besuchen die nächste Klasse. Es ist die Sonderklasse im CRAC für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.

 

Voller Stolz zeigen uns die Mädchen und Jungen ihre Schulhefte. Im CRAC haben manche von ihnen, je nach Grad ihrer Behinderung, das Lesen und Schreiben gelernt.

 

 

 

 

Die Lehrerin der Sonderklasse, Frau Latha, erklärt uns die unterschiedlichen Fördermöglichkeiten und erzählt uns, dass eines der Mädchen mittlerweile so gut rechnet, dass sie ihrer Mutter in ihrem kleinen Laden helfen kann.

 

Die Sonderklasse ist ein wichtiger Teil des Kinderzentrums geworden und die Eltern sind glücklich, dass ihre Kinder hier gefördert und geachtet werden.   

 

Im angrenzenden Raum hört man schon von weitem das Surren der Nähmaschinen. Zwischen den Arbeitsschichten oder am Sonntag kommen die Mütter der Kinder zum Nähkurs ins CRAC und erlernen hier Fertigkeiten, die ihnen später ein zusätzliches Einkommen ermöglichen.

 

Die Nähkurse sind sehr begehrt und wir staunen über die Energie der Frauen, die, neben ihrer harten körperlichen Arbeit, in ihrer Freizeit noch das Nähen lernen.   

 

Als wir das Klassenzimmer der 3. u. 4. Klasse betreten, werden wir auch hier schon sehnlichst erwartet.  Die Kinder begrüßen uns mit einem Lied, das sie in der Landessprache Telugu singen.     

    

 

 

Dann stellen uns die Kinder Fragen und wir versuchen ihnen zu erklären, wo Deutschland liegt, dass wir vier Jahreszeiten (und manchmal sogar Schnee) haben und dass es bei uns Menschen gibt, die mit ihrem Geld ermöglichen, dass Einrichtungen, wie z.B. das CRAC unterstützt werden.

 

Einer der Jungs ist sehr mutig und traut sich ein bisschen von sich zu erzählen:„Ich heiße Satish* und bin 8 Jahre alt. Ich besuche die 1. Klasse im CRAC. Meine Eltern arbeiten beide in der Kalksteinfabrik, da ein Gehalt für den Lebensunterhalt unserer Familie nicht ausreicht. Außer meinen Eltern gehören noch meine zwei Schwestern und meine Großeltern zur Familie. Mein Vater hat früher als Rikscha-Fahrer gearbeitet. Aber er hat zu wenig verdient. Wir sind vor 5 Jahren nach Piduguralla gegangen. Hier haben meine Eltern Arbeit gefunden. Trotzdem hat das Geld nicht ausgereicht. Zwei von meinen Brüdern sind krank geworden. Mein Vater musste einen Kredit aufnehmen, weil die Behandlung teuer war. Leider sind meine beiden Brüder gestorben. Doch den Kredit müssen wir weiterhin abzahlen. Dafür müssen wir den größten Teil von dem, was meine Eltern verdienen, abgeben. Auch meine Großeltern müssen etwas zum Verdienst beitragen. Für die Schule war kein Geld mehr übrig. Als meine Eltern von der kostenlosen Schule im CRAC erfahren haben, haben sie uns gleich hier anmeldet. Anfangs war es sehr schwer für uns die Schule regelmäßig zu besuchen, aber jetzt habe ich viele Freunde  gefunden und besonders im Fach Mathematik bin ich richtig gut.“

Durch die Beharrlichkeit der CRAC-Mitarbeiter, die die Familie auch zu Hause besucht und sie von der Notwendigkeit des Schulbesuchs überzeugt haben, ist es gelungen, dass Satish und seine Schwestern nun täglich am Unterricht teilnehmen. Auch der Bonus von 200 Rupien im Monat, den die Familie für jedes Kind erhält, unterstützt die Familie und spornt die Eltern dazu an, ihre Kinder zur Schule zu schicken.Wir haben gesehen, welch große Herausforderungen die CARDS-Mitarbeiter/innen täglich zu bewältigen haben, um die Lebensbedingungen der Dalit-Familien und insbesondere ihrer Kinder zu verbessern. Unsere Reise hat uns gezeigt, dass das Kinderzentrum CRAC ihnen Hoffnung und Hilfestellung für eine bessere Zukunft gibt.

Bericht und Fotos Steffi König

Name geändert

 

Betterplace

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