"Let us talk about our problems"

Heute geht es bei einem Treffen in Japharghad um ökonomische Entwicklungsprogramme für Dalits und wir besuchen wieder eine Bala Bata. Für mich gibt es noch einen überraschenden Zusatz.

Um 11 Uhr wollen wir von unserem Hotel in Warangal abfahren. Pünktlich um 11 Uhr sitzen wir Deutschen wartend im Auto. Nach einer ganzen Weile kommen Rajani, Pushpa und Assiana. Wieso hatten sie sich verspätet?

Das hatten sie nicht, sie hatten im Hotel auf uns gewartet und sich gewundert, wo wir bleiben. Denn inzwischen haben sie sich an die „German time“ gewöhnt. 

Bei der Fahrt auf holprigen Straßen werden meine Schultern gut durchgelockert. Das ist fast so gut wie eine Massage. Und wir haben auch wieder eine abwechslungsreiche Aussicht auf Straßen und Felder.

In Japharghad angekommen, müssen wir noch warten, weil noch nicht alle aus den verschiedenen Dörfern angekommen sind. Das war auch mal was Neues, sonst kamen wir manchmal zu spät und meistens wurden wir schon lange erwartet.

Wir überbrücken die Zeit an einem schönen Platz im Schatten eines Gartens und unterhalten uns über die Auswirkungen der Werbung, über die Bäume auf dem Gelände, über die Hühner, die überall herumlaufen. Über Regierungsprogramme, die Dalits und Adivasi in Anspruch nehmen können: Income Generating (Einkommen schaffende Maßnahmen), z.B. durch Hühnerhaltung; über die Health-Care-Gesundheitskarte; Land für Dalits; Zuschüsse für Hausbau und Toiletten …

Vom Treffpunkt aus hören wir schon Musik, wahrscheinlich wird noch geprobt. Beim Treffen wurde dann aber nicht gesungen. Schließlich werden wir gerufen und marschieren zum Festzelt.

Dalit-Versammlung - Regierungsprogramme

In bunten Saris sitzen die Frauen vor uns auf der linken Seite unter dem festlichen Zeltdach, rechts sitzen die Männer und Jugendlichen.

 

 

 

 

 

 

 

Ganz vorne auf dem Fußboden haben sich die Kinder niedergelassen und mustern uns mit neugierigen Augen. Alle sind sauber gekämmt, die Mädchen in Rüschenkleidchen in bunten Farben.

Am Eingang unseres Versammlungsplatzes passieren Fußgänger, immer wieder bleiben Neugierige stehen. Motorräder, Taxis rauschen vorbei, die dicht gedrängten Insassen schauen erstaunt auf.

Raju, der ACO, der uns heute begleitet, war anfangs Bala-Bata-DO. Jetzt betreut er die örtlichen Bata Batas und berät und informiert auch die Eltern über Fördermöglichkeiten. Die Frauen und Männer des Treffens sind sehr froh, dass sie davon erfahren haben und sie erzählen, wie sie von verschiedenen Regierungsprogrammen profitiert haben. Mary und Ratnam übersetzen für uns.

Ein Mann erzählt, dass sich sein Sohn den Arm gebrochen hatte. Ohne Raju hätte er nichts davon gewusst, dass es staatliche Unterstützung für eine Operation gibt. Er hätte sich nicht leisten können, seinen Sohn gut behandeln zu lassen. So aber ist der Arm seines Sohnes wieder gut verheilt. Rajus Frau erzählt, dass viele Dorfbewohner durch Krankheit arm werden, weil sie viel Geld für Medikamente ausgeben müssen. Durch die Informationen in den Bala Batas erfahren sie von ihrem Anspruch auf eine „Health-Card“, eine Gesundheitskarte. Ihre Ausgaben für medizinische Behandlungen werden darüber vom Staat bezahlt.

 

Ein anderer berichtet, dass er über das Hausbauprogramm ein eigenes Haus bauen konnte.

Alle, die sich melden, haben auf die ein oder andere Weise von den Regierungsprogrammen profitiert.

 

 

Ein weiterer junger Mann meldet sich zu Wort und berichtet begeistert wie er die Bala Batas und den ACO unterstützt. Er ist jetzt Mitglied in einem BEST-Club. Früher war er selbst in einer Bala Bata und konnte dadurch studieren. Inzwischen arbeitet er in einer Anwaltskanzlei. Er spendet einen Teil seines Gehalts für die Bala Batas. Er bringt regelmäßig kostenlose Bücher zu den Bala Batas, damit die Kinder lesen üben können. Auch seine Freunde spenden für die Bala Batas.

Seine eigenen Erfahrungen in der Bala Bata waren sehr hilfreich für ihn und seine Familie. Er hat für seine Eltern und Großeltern eine "Health-Card" beantragt und durch das Programm „Land für Dalits“ besitzt die Familie nun eigenes Land. Sein Wissen gibt er an andere weiter.

Noch ein Mann kommt ans Mikrophon. Nach der 10. Klasse konnte er nicht weiter zur Schule gehen. Er musste seinen Eltern bei der Feldarbeit helfen. Durch das Regierungsprogramm besitzt auch er nun eigenes Land, das er bebaut. Seine Kinder kann er alle zur Schule und in die Bala Bata schicken.

Von einem anderen jungen Mann erfahren wir, dass außer CARDS niemand in die abgelegenen Dörfer kommt und sich um die Menschen dort kümmert. Die Eltern dort verstehen nicht, warum sie ihre Kinder in die Schule schicken sollten. Man muss ihnen erst erklären, dass sie ihre Situation nur durch Bildung verbessern können. Es ist schwierig, aber sehr wichtig, sie zu motivieren, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Wenn sie nicht in die Schule gehen, werden sie dasselbe Leben haben wie ihre Eltern, es wird keine Verbesserungen geben.

Die aufmerksamen Zuhörer/innen applaudieren ihm. Auch Ratnam hört interessiert zu. Man merkt ihm an, dass er sich sehr über das Engagement der jungen Leute freut. Später im Bus meint er gerührt, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht, wie es weitergeht mit CARDS und den Bala Batas.

Nach dem Treffen gehen wir zu Rajus Haus ganz in der Nähe. Dort zeigt mir Ratnam einen Haufen Ton und fragt, ob der gut wäre für den Ton-Workshop. Außen war der Ton zwar ziemlich trocken, aber innen war er gut feucht. Laut Programm war „teaching skills with clay“ für den 16.01. geplant. Darauf hatte ich mich eingestellt. Aber gut, warum nicht, dann halt jetzt nach dem Lunch.

Rajus Frau hatte ein sehr gutes Essen für uns zubereitet. Gewürzten Reis mit Hühnercurry und Rohkost, Gelbe Rüben und Zwiebeln. Köstlich!

 

 

 

Wir essen in der guten Stube, die anderen werden draußen bedient.

 

 

 

Nach dem Essen gehe ich gut gestärkt an die Arbeit.

 

Tonerde-Workshop "Let us talk about our problems"

Bei unseren vorherigen Reisen zu CARDS habe ich schon mit DO-Gruppen und Student/innen Workshops durchgeführt. Ich habe gezeigt, wie man mit Tonerde kreativ mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Ich leite die jeweiligen Gruppen an, nach eigenen Ideen Figuren, Tiere, Haushaltsgegenstände, Gemüse, etc. zu gestalten und gemeinsam erfinden wir dazu eine Geschichte.

Vor Rajus Haus schart sich um mich herum langsam ein Kreis junger DOs, wie so oft mehr Mädchen als Jungen. Im Hintergrund herrscht reges Treiben, das Geschirr wird aufgeräumt, einige unterhalten sich und viele Neugierige haben sich eingefunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sieben Mädchen waren angekündigt, doch Lücken im Kreis füllen sich nach und nach mit einigen Jungen, sodass DOs und wer auch immer - dicht gedrängt mit Tonerde in der Hand - Hunde, Elefanten, Teddybären, Kinder, Töpfe und Gemüse formen. Die Außenstehenden geben gelegentlich ihre Kommentare ab.

Zuerst formen wir Kugeln, die man sich gegenseitig zurollen kann. Dann entstehen Schlangen, denen wir Namen geben und die miteinander Freundschaft schließen. Schließlich zeige ich noch, wie man einzelne Stücke zu Figuren zusammenfügen kann.

Bei mir entsteht zufällig ein Elefant mit sehr großen Ohren. Außenstehende rufen mir zu, das sei ein afrikanischer Elefant. Das tut aber nichts zur Sache. Mein Elefant heißt Egon und kann mit seinen großen Ohren fliegen. Er fliegt herum auf der Suche nach einem Freund und findet tatsächlich einen anderen Elefanten, namens Krishna, der sein Freund werden will. Sie erfahren von einer Elefantenmutter, dass sie ihr Baby vermisst. Beide machen sich auf die Suche nach dem verlorenen Elefantenbaby und fragen alle anderen Figuren danach.

Schließlich finden sie das Baby mit der Hilfe von Ganesha, dem indischen Elefantengott und einem Bala-Bata-Jungen und bringen es der glücklichen Mutter zurück.

 

 

 

 

Die Zuschauer/innen jeglichen Alters wundern und amüsieren sich über unsere Einfälle.

 

 

Die Hühner picken derweil die übriggebliebenen Reiskörner von den Papptellern.

 

 

 

Ich frage in die DO-Runde, wer die Geschichte weitererzählen will. Der Junge, der den Bala-Bata-Jungen geformt hatte, ergreift die Initiative und erzählt, wie sich einige Bala-Bata-Freunde - in dem Fall eine Schlange und ein Elefant - gegenseitig besuchen und zusammen zum "playground" gehen, um zu  spielen.

Ein Teddybär kommt auch noch mit dazu.

Eine übliche Kindergeschichte eben. Doch dann wird es spannend. Aus dem heiteren Spiel wird ernst. "Let us talk about our problems". In flüssigem Englisch erzählt der ca. 14jährige Junge die Geschichte, sodass wir sie ohne Übersetzung verfolgen können. "Let us talk about our problems". Im Gespräch finden sie heraus, dass ein Freund krank zuhause liegt und Fieber hat. Sie beraten, wie sie ihm helfen können. Sie einigen sich, dass sie ihm eine Suppe bringen wollen, damit er wieder gesund wird. Natürlich gab es auch Mädchen, die einen Topf nebst Schöpflöffel angefertigt haben und so können sie gemeinsam dem kranken Freund die Suppe bringen.

Mit diesem Schluss sind wir alle sehr zufrieden. Es ist eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Geschichte. Ein Junge aus dem Dorf spricht Englisch! Er beschreibt, was sich in seiner Bala Bata abspielt und es stimmt genau damit überein, was CARDS uns über die Arbeit in den Bala Batas berichtet. Es zeigt wie alltäglich Probleme durch Krankheit und Hunger in den Dalit-Dörfern sind und wie die Bala-Bata-Kinder damit umgehen. Sie lassen sich nicht entmutigen, sondern denken gemeinsam über Lösungen nach und werden aktiv.

Bala Bata

Von Rajus Haus geht es weiter zur örtlichen Bala Bata. Die Kinder bestaunen uns und singen anfangs noch etwas schüchtern ihre Lieder, aber bei den bollywoodinspirierten Tänzen tauen sie auf und zeigen uns was sie drauf haben.

Wir bringen den Kindern Grüße aus Deutschland und ich erzähle, dass ich in deutschen Schulklassen etwas über Indien erzähle. Ich habe heute meinen Wollekalle (eine Krake aus Wolle) dabei und lasse ihn zu den Kindern fliegen. Ich begrüße den Wollekalle und sage meinen Namen: „Hallo Wollekalle, na peru Margit“. Jedes Kind, das den Wollekalle fängt, macht es mir nach. Gar nicht so einfach, das Wort „Wollekalle“.

Zurzeit sind Feiertage, drei Tage schulfrei, Happy Pongal, Erntedankfest, die Jungen lassen quadratische Drachen steigen. In der Bala Bata treffen sich die Kinder mal nicht zum Lernen, sondern zum Spielen. Wir fragen sie nach ihren Lieblingsspielen. Kabbadi ist natürlich auch dabei, das Fangspiel, bei dem man die Luft anhalten muss. Deswegen müssen die Spieler, die gerade Fangen ununterbrochen "KabaddiKabaddiKabaddi ..." rufen.

Begeistert führen die Kinder uns auch einige unbekanntere Spiele vor. Die Mädchen machen mit "CoCo" oder „GoGo“ den Anfang. Es ist ein Fangenspiel ähnlich wie „Der Fuchs geht rum“, nur ohne Taschentuch und nicht im Kreis, sondern in einer Reihe. Die Jungs zeigen uns "Four blocks" bei dem 4 Steine aufeinandergetürmt werden. Die Jungs stehen drum herum und versuchen die Steine zu schnappen ohne abgeschlagen zu werden. Außerdem noch ein Spiel namens „Salt“, bei dem man Salz in der Hand hält. Wie das geht, habe ich aber nicht ganz verstanden.  

Nach einem anstrengenden, ereignisreichen Tag kommen wir müde im Hotel an und freuen uns aufs Abendessen.

Bericht Margit Nitsche, Fotos Margit und Rainer Nitsche

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