Wenn Tradition und Moderne aufeinanderprallen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute treffen wir Schüler/innen einer Internatsschule und DOs. Abends steht ein Besuch in einem Dorf der Gond-Adivasi (Ureinwohnerstamm) auf dem Programm.

Auf der Fahrt gibt es wieder einige Indian specials: Ein LKW wird am Straßenrand repariert. Um sich gegen den Verkehr abzusichern, haben die Männer Zweige als Abstandhalter an den LKW gesteckt, ein Warndreieck ist nicht nötig. Wir fahren vorbei an riesigen Plakaten mit dem Slogan „save the tiger“. Am Straßenrand parkt ein Auto mit der Aufschrift „pollution testing center“.

 

Ich knipse auf gut Glück aus dem fahrenden Bus; auch als wir an Reisfeldern vorbeikommen, auf denen gearbeitet wird. Ratnam lässt den Fahrer anhalten und wir gehen die Böschung hinunter zum Feld. Ratnam singt ein Arbeitslied und ruft die Frauen. Die lassen sich kaum in ihrer Arbeit beirren.


 

 

Gebückt gehen sie in einer Reihe rückwärts über das Feld und setzen die Reispflanzen in die nasse Erde.

 

 

 

Schließlich kommt eine Frau zu uns, ihr Reispflanzenbündel in der Hand. Sie ist Witwe, hat keine Kinder und lebt mit ihrer Mutter zusammen. Mit ihrem Verdienst bei der Feldarbeit kann sie für sich selbst und auch für ihre Mutter sorgen.

Morgens um halb 8 Uhr bricht sie von zuhause auf. Um halb 9 Uhr beginnt ihre Arbeit. Sie arbeitet bis 16 Uhr, dann macht sie sich auf den Heimweg, damit sie vor Einbruch der Dunkelheit gegen 17 Uhr ihr Haus erreicht. 15 bis 20 Tage, manchmal einen Monat hat sie Arbeit auf dem Reisfeld, dann muss sie sich anderswo Arbeit suchen. Im Februar beginnt hier die Baumwollernte, dann versucht sie dort ihr Glück.

Für einen ganzen Tag Arbeit verdient sie 200 Rupien, das sind derzeit ca. 2,80 €. Können wir uns vorstellen, was es bedeutet so als Tagelöhner/in zu arbeiten?

Es ist gut, zu wissen, dass viele Kinder und Jugendliche nach Bala Bata und Internatsschule eine gute Chance auf einen qualifizierten Beruf und damit auf ein sichereres Einkommen für ihre Familie haben. Auch die Frauen, die durch die Spargruppen ein kleines Geschäft aufbauen konnten, können zuversichtlich in die Zukunft schauen und müssen nicht nur von einem Tag auf den anderen leben.

Die Männer, die auf den Traktoren mit den riesigen Rädern die schlammige Erde aufwühlen, um die Felder herzurichten, werden monatlich bezahlt. Sie verdienen 7.000 bis 8.000 Rupien im Monat (ca. 100 - 110 €).

 

Wenn sie abends ihre Arbeit beenden, sind sie und ihr Fahrzeug über und über vom Schlamm bedeckt.

 

 

Begegnung mit Schüler/innen einer Residential School und "best DOs"

In Laxitpet angekommen, begrüßen uns die Schüler/innen der Residential Schools* und DOs von 11 Bala Batas. Diese DOs haben für ihre besonders gute Arbeit eine Auszeichnung als „best DOs“ bekommen. Sie haben für ihre Bala-Bata-Kinder die meisten Plätze in den Internatsschulen erhalten.

          

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter dem Zeltdach haben sich auch viele Mütter und Leute aus dem Dorf versammelt, um die engagierten Vorführungen der Jugendlichen zu bewundern. Bollywood lässt grüßen.


 

 

 

 

 

 

 

Zwei Schülerinnen, eine davon als Mann in Hosen und Hemd, tanzen als Paar. Das gab es bei unserem letzten Besuch 2013 noch nicht.

 

 

Bei den folgenden kleinen Theaterstücken wird es wieder spannend. Sie sind sehr anschaulich und aufschlussreich.

Erstes Body Theatre  - lm Unterricht

Der Lehrer auf dem Stuhl hält schon den Stock einsatzbereit in der Hand. Er fragt die Kinder ab. Wer nichts weiß oder falsch antwortet, der bekommt den Stock zu spüren. Jeder kommt dran. Die Zuschauer amüsieren sich. Natürlich besonders, als der Lehrer am Ende des Stücks gesagt bekommt, was er selbst falsch gemacht hat. Er muss nun selbst die Hände ausstrecken und bekommt seine Strafe.

 

Später im Gespräch fragen wir die DOs, ob es wirklich vorkommt, dass sie oder ihre Bala-Bata-Kinder in der Schule geschlagen werden. Die Antworten sind verhalten. Manchmal. Die Kinder sagen es ihnen nicht immer. Manche erzählen es ihnen aber doch. Wenn sie davon erfahren, dann gehen sie zum Lehrer und reden mit ihm. Manche Kinder kündigen dem Lehrer an, dass sie es dem DO sagen, wenn er sie schlägt.

Zweites Body Theatre - Der Brief

Eine junge Frau bekommt einen Brief von ihrem Bräutigam. Sie kann aber nicht lesen. Auch ihre Freundinnen und ihr Nachbar können ihr nicht helfen.

 

 

 

Sie fragt einen jungen Mann, der gerade vorbei kommt. Der tut nur so, als ob er den Brief lesen könne. In Wirklichkeit denkt er sich nur etwas aus, weil er sich nicht blamieren will. Der Bräutigam ist verunglückt und gestorben „liest“ er. Er wird nie mehr zu ihr kommen.

 

 

 

Die junge Frau ist sehr unglücklich und ihre Freundinnen können sie kaum trösten.

 

 

 

Da kommt eine Bala-Bata-Schülerin und fragt, was los ist. Sie zeigen ihr den Brief und sie liest ihn jetzt richtig vor. Der Bräutigam kündigt seinen Besuch an und wird ihr auch ein Geschenk mitbringen. Die junge Frau ist überglücklich, alles hat sich zum Guten gewendet.

 

Es wurde ganz klar, wie hilflos man ist, wenn man nicht lesen kann und wie wichtig es ist in die Schule zu gehen.


Beim anschließenden Gespräch berichten die DOs von ihren Aktivitäten. Sie haben Bäume gepflanzt: Teak, Mandel, Mango, Neem, Guave, Amla, Drumsticks. Ein Junge hat in seinem Dorf einen Mülleimer gebaut. Küchengärten wurden angelegt und Gemüse für den Eigenbedarf angepflanzt.

Rajani übersetzt Xavers Frage: „Wie viel Zeit verbringt ihr für die Bala Batas, außer den insgesamt ca. 3 Stunden morgens und abends? Z.B. wenn ihr mit den Eltern oder den Lehrer/innen redet.“ Nachdenkliches Schweigen. Was ist das wieder für eine Frage? Es dauert so lange, wie es eben dauert. Keiner denkt daran, dass Zeit vergeht oder gar „verschwendet“ wird. Aber gut, es könnte sein, dass ein Gespräch mit den Eltern oder Lehrer/innen vielleicht eine Stunde oder 1 ½ dauert, wenn es nötig ist. Und in der Woche? Na ja, vielleicht 2 oder 3 Stunden. Und die DO-Meetings dauern einen Tag oder ein Wochenende.

„Habt ihr dann überhaupt noch genügend Zeit zum Lernen?“ Wieder so eine seltsame Frage. Alle haben genug Zeit zum Lernen.

In den Bala Batas, die wir besucht haben, waren auch einige kleinere Kinder, die noch gar nicht in der Schule sind. Wir fragen nach: „Wie ist das, wenn so kleine Kinder mit dabei sind? Stören sie nicht?“ Die Antwort kommt prompt: „Nein, es ist sogar gut. Die Kleinen lernen schon viel mit und sie lernen schnell.“

Wir fragen die DOs: Warum engagiert ihr euch für eure Bala-Bata-Kinder?

„Weil wir den anderen Kindern helfen wollen.“ „Es macht Spaß und wir lernen selbst viel dabei.“

Ein Junge erzählt, dass er früher in einem kleinen Laden gearbeitet hat. Weil er Interesse am Lernen hatte, ist er in die Bala Bata gegangen. Dadurch konnte er aufs College gehen. Er wurde Bala-Bata-DO, damit andere Kinder auch diese Chance bekommen. „Bildung ist der beste Weg zur Entwicklung.“

Ein anderer berichtet, dass es in seinem Dorf viele Schulabbrecher gab. Nur drei Kinder haben länger durchgehalten. Mit der Bala Bata wurde das anders. Er sagt: „Wir wollen noch mehr Bala Batas, damit mehr Kinder höhere Bildung bekommen.“

Ein weiterer DO berichtet von seiner täglichen Arbeit. Die Kinder in seinem Dorf sind nicht in die Schule gegangen. Er holt sie jetzt jeden Morgen zur Bala Bata ab und begleitet sie anschließend zur Schule. Er redet auch mit den Eltern darüber, dass die Schule nötig ist. Manche Eltern wollen ihre Kinder deshalb nicht in die Schule schicken, weil sie ja doch bald wieder weg müssen zu einem anderen Arbeitsplatz.

Wir verabschieden uns von den DOs und weiter geht die Fahrt über Land zum nächsten Programmpunkt. Am Straßenrand wird Zuckerrohr gepresst, dahinter lagern Müll und Bauschutt. Die Straßen werden schmaler, schließlich holpern wir über staubige Feldwege. Ratnam meint: „These are their Autobahn.“

Bei den Gond

Vor dem Dorf der Gond werden wir schon erwartet und begeistert begrüßt. Jede/r bekommt eine selbstgemachte (nicht gekaufte) Blütenkette und einen roten Punkt auf die Stirn.

 

 

 

Mit Trommeln und Flöten werden wir ins Dorf begleitet. „Wel – Come to Kundelpahad“ ist mit buntem Farbpulver  auf die Erde gemalt.


 

Auf dem Dorfplatz ist ein Teppich ausgebreitet und die Frauen tanzen zu den Flöten und Trommeln den typischen Adivasi-Kreistanz. Einige Männer, schon etwas angeheitert, mischen sich ein. Dann sind die Mädchen dran. Aber bald sieht man nichts mehr von ihnen, denn das halbe Dorf drängelt sich auf dem Teppich und umringt sie. Wir werden natürlich auch dazu geholt und tanzen begeistert mit. Bald reicht der Teppich nicht mehr aus.

 

 

 

 


 

 

 

Dann erleben wir, wie abseits von den Städten, Moderne und Tradition aufeinanderprallen. Mehr als sonst werden uns Handys entgegengestreckt und die jungen Leute fiebern darauf, mit uns Selfies machen zu können. Mit eifrigem Kopfwackeln bitten sie uns darum: „Please Madam, Selfie“, „please Sir, Selfie“ ... Auch unsere eigenen Fotoapparate und Handys sind schon längst heißgelaufen bei den mitreißenden Tänzen der Adivasi-Frauen.

Jetzt zeigen die Kinder und Jugendlichen was sie können. Bollywood hat auch hier Einzug gehalten und die Lautsprecher, eigentlich müsste es Lautschreier heißen, übertönen die Trommeln und Flöten bei Weitem. Die Stimmung steigt, lauter Applaus und Begeisterungsschreie belohnen die Tänzerinnen und Tänzer, die ihr Bestes geben. Es fliegen Blütenblätter.


 

 

 

 

Ele und ich geben unsere Blütenketten, unter dem Jubel der Zuschauer, an zwei Tänzerinnen ab.


 

 

Die Kühe in ihrem Verschlag schauen dem Treiben verwundert bis teilnahmslos zu und hinter Palmen geht langsam die große, orangerote Sonne unter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir bedanken uns bei den Adivasi für ihr tolles Programm, worüber sie sich sehr freuen.

 

 

 

 

Letzter Programmpunkt ist das Abschieds-Gruppenfoto oder sind vielmehr die zahlreichen Abschieds-Gruppenfotos. Einige ältere Frauen, die im Hintergrund zugeschaut haben, holen wir auch mit dazu.

Mit Trommeln und Flöten begleiten uns die Dorfbewohner zurück zum Bus und winken uns nach. Gut gelaunt lassen wir das Adivasi-Dorf hinter uns.

Bericht Margit Nitsche, Fotos: Rajani, Rainer und Margit Nitsche

 


  * Spezielle, kostenlose Internatsschulen für Dalits und Adivasi.

 

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