Spargruppen in Pinnelli - "No limitation for development"

Knapp 20 km vom CRAC entfernt liegt Pinnelli. Eines der ersten Dörfer, in denen CARDS aktiv wurde. Dort werden wir von Amarnath empfangen, der uns zusammen mit den Frauen der Spargruppen zur Community Hall begleitet.  

Neben dem Eingang des Gebäudes erinnert eine Tafel an die Einweihung der Community Hall am 07.11.1993. Das war während meiner ersten Reise zu CARDS. Arnold Paulus hatte die Tafel damals enthüllt.

In der Community Hall warten bereits einige Frauen und Dorfbewohner/innen. Wie immer drängen sich auch bald Neugierige an Türen und Fenstern.

Die Frauen erzählen: „Vor 30 Jahren war Pinnelli ein abgelegenes sehr rückständiges Gebiet. Die Unterdrückung durch das  Kastensystem war grausam. Die Dalits wussten nichts über ihre Rechte und wir lebten in Armut und Abhängigkeit von den „Landlords“ (Landbesitzern). Erst von Amarnath haben wir erfahren, welche Möglichkeiten es für uns gibt.“

Amarnaths Ausbildung im CARDS-College in Deenapur hatte ihn damals in die Lage versetzt etwas für die Entwicklung seines Heimatdorfes zu tun. „Reaching the unreached“ war und ist immer noch das Motto von CARDS. Die Menschen in den abgelegenen Dörfern sollen erreicht werden, diejenigen, denen niemand etwas zutraut, die ausgegrenzt werden, sowohl räumlich, als auch in ihren Bildungsmöglichkeiten.  

So wie Amarnath zogen zu dieser Zeit auch andere College-Studenten mit lautem Trommeln in die Dörfer. Mit dem Lied „Randi“ – „Kommt zusammen“ weckten sie das Interesse von Jung und Alt. Waren die Dorfbewohner versammelt, wurde über die Bedeutung von Schule und Bildung, Hygiene, Gesundheit und Ernährung, sowie über staatliche Förderprogramme informiert. Der kontinuierliche Einsatz der Studentinnen und Studenten ist auch heute noch die Basis für das erfolgreiche Konzept von CARDS.

Die Frauen berichten weiter: „Amarnath hat vor 25 Jahren Ranjan Babu und seine Frau Chitti mit in unser Dorf gebracht. Sie haben uns das Spargruppensystem erklärt. Am Anfang konnten wir uns nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Wir hatten ja nicht einmal genug zum Leben, wie sollten wir da etwas sparen? Außerdem waren wir misstrauisch. Es waren schon andere Leute in unser Dorf gekommen, die uns viel versprochen haben. Dass wir z.B. Dinge für unseren Haushalt bekommen. Sie haben unser Geld genommen und dann sind sie verschwunden. Babu hat zu uns gesagt: „Amarnath ist aus eurem Dorf, ihr kennt ihn und ihr wisst, dass ihr ihm vertrauen könnt.“ Es hat lange gedauert und es hat noch viele Treffen gegeben, bis wir überzeugt waren. Babu und Chitti sind den langen Weg von Guntur zu uns gekommen und wir haben bis spät in die Nacht diskutiert. Schließlich haben wir doch beschlossen, es auszuprobieren. Wir haben mit 5 Rupien (1995 ca. 0,04 DM) im Monat angefangen zu sparen, jetzt sparen wir monatlich 100 Rupien (ca. 1,33 €).“

„Durch das Spargruppen-Kleinkreditprogramm hat sich das Leben in Pinnelli grundlegend verändert. Als zwei oder drei Frauen damit begonnen haben, war das eine Sensation. Damals gab es noch nicht einmal Stühle (1) im Dorf.  Und jetzt sind wir auch in politischen Gremien vertreten und andere Dalits und Tribals kommen zu uns und fragen uns um Rat.“

„Wir werden zu politischen Versammlungen gerufen, ich war sogar schon in Delhi. Früher haben wir uns nicht getraut, den Mund aufzumachen. Wir waren es nicht gewohnt in der Öffentlichkeit zu sprechen. Heute bin ich Vorsitzende einer Spargruppen-Vereinigung von 80 Spargruppen. Ich stehe auf und rede zu jedem, immer und überall. Früher haben die Landlords uns herumkommandiert. Wenn sie uns gerufen haben: „He, du da komm her“, mach dies oder jenes, dann mussten wir springen und alles machen, was sie uns befohlen haben. Wenn heute der Landlord Arbeiter braucht und keine findet und er kommt zu mir, dann spricht er mich mit meinem Namen an und fragt mich höflich. Aber ich sage, dass ich leider keine Zeit habe, weil ich mit meinem eigenen Feld genug zu tun habe. Ich brauche sein Geld nicht, weil ich selbst genug verdiene. Dann muss er sich jemand anders suchen.“

„Als die ersten Frauen von CARDS mit der Unterstützung von HzSh (Partnerschaft in der Einen Welt – Hilfe zur Selbsthilfe) 2.000 Rupien Kredit bekamen, da wollten immer mehr Frauen mitmachen. Jeden Monat waren wir bei Treffen in Guntur. (2) Dort haben wir viel gelernt. Jetzt sind wir selbstbewusst und alle Frauen trauen sich zu sprechen. Wir haben unser Dorf entwickelt. Das haben wir CARDS zu verdanken, dass wir jetzt diese Fähigkeiten haben.“

„Babu und Chitti haben die Samen gelegt, jetzt ist ein großer Baum mit vielen Früchten daraus geworden. Anfangs gab es 4 Spargruppen hier in unserer Gegend, jetzt sind es 80. Und in jeder Gruppe sind 10 – 15 Frauen. Durch das eigene Gesparte haben wir jetzt Anspruch auf 50.000 Rupien staatlichen Kredit.“

Sie zeigen uns ihre Sparbücher. Für jede Frau, die einen Kleinkredit bekommen hat, ist ein Dateiblatt angelegt mit allen wichtigen Daten und einem Foto, auf dem zu sehen ist, wie der Kredit angelegt wurde.

 

 

 

„Es ist eine großartige Veränderung in unserem Leben. Wir haben Straßen und Wasser und Elektrizität in unseren Häusern. Unsere Kinder gehen alle zur Schule.“

„Früher wurden wir in diesem Dorf geboren, haben geheiratet und sind nirgends anders hingekommen. Wir haben vieles nicht gewusst. Heute geht es uns besser als manchen Landlords. Wir haben klein angefangen und jetzt haben wir Großes hervorgebracht. Wir haben gute Häuser mit eigenem Wasser. Früher mussten wir weite Wege gehen, um Wasser zu holen.“

„Durch CARDS kam Würde in unser Leben. Babu und Chitti gingen Tags zur Arbeit und abends kamen sie zu uns. Sie haben unsere Gegend ausgewählt. Sie haben uns auch zu anderen Orten mitgenommen.“

Amarnath ergänzt: „Pinelli ist eine Modellregion. Früher gab es hier kein einziges festes Haus, sondern nur Lehmhütten. Babu hat die Dorfbewohner, vor allem die Frauen und die Jugendlichen auch über ihre Rechte aufgeklärt und darüber, dass Unberührbarkeit verboten ist. Er hat ihnen von Ambedkar erzählt. Heute kommen Politiker aus anderen Dörfern hierher, um sich abzuschauen, wie die Frauen es mit der Hilfe von CARDS geschafft haben, ihr Dorf soweit zu entwickeln. Regierungsbeamte aus anderen Staaten wollten wissen, wie sie diese Nachhaltigkeit erreicht haben, dass sie über diese lange Zeit bestehen und erfolgreich sind.“

Ein Mann erzählt: „Früher war Pinelli kein guter Platz. Bei jedem Zyklon gab es schwere Schäden. Erst mit CARDS hat sich schrittweise alles verbessert. Durch die Community Hall gibt es jetzt Schutz. Früher kam man nur zu Fuß und mit dem Büffelwagen aus dem Ort, heute fahren Busse. Früher waren alle Analphabeten. Heute können alle schreiben. Das ist auch notwendig für unsere Bankgeschäfte. Früher war das nächste Krankenhaus erst in Piduguralla. Die Leute starben an Schlangenbissen oder wenn sich ein Insektenstich entzündet hat. Jetzt können wir ins Krankenhaus fahren. CARDS hat auch Kräuterkurse durchgeführt. Das hat schon viel geholfen.“ Er spricht CARDS seinen Dank aus.

Eine Frau berichtet: „In meiner Kindheit gingen wir alle zur Arbeit. Wir verdienten 20 Rupien am Tag. Wir konnten nicht lesen und schreiben und wir wurden ausgenutzt. Heute geht mein Kind zur Schule und es wird einmal studieren.“

„Früher hatten wir kein eigenes Land. Wenn die Landlords kamen, mussten wir aufstehen. Die Landlords riefen uns an, ohne unsere Namen auszusprechen. Wir mussten alles tun, was der Landlord von uns verlangte. Dabei durften wir bei der Arbeit bestimmte Dinge nicht anfassen, damit sie nicht „unrein“ wurden. Das Haus des Landlords durften wir nicht betreten. Heute wissen wir, dass der Landlord kein Recht hat, uns so zu behandeln. Durch CARDS bekamen wir eigenes Land. Wir bauen Gemüse an, Tomaten und Chilis. Wir haben jetzt auch eigene Büffelkühe. Früher hatten wir nicht viel zum Anziehen. Mit dem Geld, das wir jetzt verdienen, können wir uns auch Dinge für uns selbst leisten und sogar Schmuck kaufen. Jetzt können sie uns nicht mehr herumkommandieren. Jetzt behandeln sie uns mit Respekt. Gott hat uns gesegnet durch CARDS.“

„Meine Spargruppe hat 11 Mitglieder. Wir haben vor 22 Jahren (1995) unsere Spargruppe gegründet. Es war oft sehr hart und es ging nicht immer alles glatt. Wir mussten ja alle auf dem Feld arbeiten. Manchmal haben wir wegen des schlechten Wetters nichts verdient. Manche Familien haben auch aufgegeben, andere kamen dazu. Sie haben jetzt Büffelkühe, kleine Geschäfte, einen Kleiderverkauf oder sie verkaufen Obst und Gemüse. Wenn eine von uns ihren Kredit nicht zurückzahlen kann, z.B. wegen Krankheit, dann springen die anderen ein. Probleme werden besprochen und gemeinsam gelöst. Wenn wir keine Lösung finden, dann können wir uns an Amarnath wenden.“

 

 

 

 

 

 

 

„Auch nachdem die Regierung das Kleinkreditprogramm übernommen hat, fühlen wir uns als CARDS-Familie und wenn CARDS uns braucht, dann kommen wir. Und wenn die Regierung das Programm stoppt, werden wir trotzdem weitermachen, wie am Anfang.“

Als wir die Frauen nach ihren Zukunftsplänen fragen, antworten sie selbstbewusst: „No limitation for development.“ – Für unsere Entwicklung gibt es keine Grenzen, wir machen weiter!

Was für eine optimistische, hoffnungsvolle Aussage. Alle Anstrengungen und das Durchhalten haben sich gelohnt. Bei allen unseren Treffen und Gesprächen wurde die nachhaltige Entwicklung durch Hilfe zur Selbsthilfe in allen CARDS-Projekten deutlich. Aber erst heute in Pinnelli wird mir so richtig bewusst, was Ranjan Babu mit seiner Vision eines besseren Lebens für die Dalits schon vor fast 40 Jahren vor Augen gehabt hat. Kontinuierlich und systematisch hat er mit seiner Familie an der Umsetzung gearbeitet und im Laufe der Zeit viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden. Die CARDS-Bewegung ist unglaublich gewachsen, getragen von einer mitreißenden Begeisterung vieler Dalits, deren Engagement mich sehr beeindruckt. Diese Begeisterung ist auch auf uns in Deutschland übergesprungen. Es ist ein gutes Gefühl, mit zur Verwirklichung beigetragen zu haben, heute hier zu sein und zur CARDS-family zu gehören.

Obwohl es schon spät ist, haben einige Frauen ihre Verkaufswägen hervorgeholt und ihre Läden aufgemacht.   

Voller Eindrücke verabschieden wir uns vorläufig für einen Abstecher zu einer nahe gelegenen Adivasi-Siedlung. Zum Abendessen werden wir zurück sein. Die Spargruppenfrauen kochen für uns.

Fortsetzung folgt.

Bericht und Fotos Margit Nitsche

 

1. Irgendwann bei der Reise 1993 ist mir aufgefallen, dass die Stühle, die für unsere Reisegruppe bereitgestellt wurden, immer dieselben waren. Sie wurden von Ort zu Ort gefahren. In den Dörfern gab es damals nirgends Stühle.

2. Das war der Anfang der "Vision 2020"                                                Zu den Berichten 1 - 6

 

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