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Das
Kastenwesen und seine geschichtlichen Hintergründe
Das
Kastenwesen ist eines der Hauptmerkmale der indischen Gesellschaft. Die
gesellschaftliche Stellung wird durch die Kaste bestimmt.
Der
Mensch wird in eine Kaste hineingeboren und bleibt dort !
In
Indien trägt jeder die Zeichen des Lebensbereiches, dem er angehört, an
sich. Durch seine Kleidung und seinen Schmuck, durch das Zeichen seiner
Kaste und seines Gewerbes, ist er auf den ersten Blick erkennbar. Die
unverheiratete Frau, die Gattin, die Witwe trägt ein kennzeichnendes
Gewand.
Jeder
Mensch steht in einer klar umrissenen Ordnung festgelegter und sorgfältig
befolgter Normen und Tabus. Was man essen und nicht essen, was man suchen
und was man meiden, mit wem man verkehren, speisen und sich verheiraten
soll, all diese persönlichen Angelegenheiten sind genau geregelt, und
sowohl versehentliche wie absichtliche Übertretungen werden streng
geahndet.
Außerhalb
des Kastensystems und damit außerhalb der menschlichen Gesellschaft
stehen die Kastenlosen. Die Sogenannten „Unberührbaren“. Seit der
Unabhängigkeit Indiens 1947 ist die „Unberührbarkeit“ offiziell von
der indischen Regierung abgeschafft, die Kasten und Normen sind jedoch
auch heute noch wirksam und bestimmen die Entwicklung des Staates und der
Gesellschaft.
Ursprünglich
aus vier Kasten (Brahmanen = Priester, Kshatrias = Krieger und Könige,
Vyshas = Händler und Kaufleute und Shudras = Bauern und Handwerker)
entstanden, gibt es heute über 5.000 Kasten, die im Laufe der
Jahrhunderte durch Aufsplitterung der einzelnen Kasten zustande kamen. Die
Kaste bestimmt das Schicksal eines jeden Inders von Geburt an, die Wahl
des Ehepartners wie auch der Beruf sind vorbestimmt.
Um
den Einfluss des Kastenwesens auf das heutige Indien besser verstehen zu können,
hilft ein Blick in die indische Urgeschichte, wo die Grundlagen der
heutigen Kastengesellschaft gelegt worden sind.
In
den Jahren 2.500 - 1.750 vor Chr. finden wir das erste staatliche Leben in
Indien. Aus dieser Zeit fand man im Industal Überreste von Städten, die
auf eine städtische Hochkultur, ähnlich der der Inkas und Mayas in Südamerika,
schließen lässt. Das Indusvolk war hoch entwickelt, besaß eine eigene
Sprache und Religion, die Städte waren für diese Zeit sehr
fortschrittlich (Häuserbau, Kanalisation etc.).
Als
Vorfahren des Industalvolkes werden heute drawidische Völker angenommen.
Neben dem Indusvolk existierten verschiedene "tribals" (Stämme),
die hauptsächlich in den tropischen Regenwäldern lebten. Die Hochkultur
des Industales erreichte ihre Blütezeit im 18. Jh. vor Chr., kurz darauf
ging sie aus bisher nicht geklärten Gründen unter.
Mit
der Einwanderung der arischen Völker (1.700 - 1.400 v. Chr.), die vom
Ural her in den Norden Indiens kamen, brach in Indien eine neue Zeit an.
Die arischen Einwanderer waren hellhäutige Krieger, die von ihrer
Kriegsausstattung her dem Indusvolk weit überlegen waren, aber von der
Bildung eines Staates noch wenig Ahnung hatten.
Von
Anfang an entstanden in den Augen der Arier zwei Gruppen: Arier und
Nichtarier, aus denen sich später Kasten entwickeln sollten.
Zur
Legitimation ihrer Macht bestimmten die Arier drei Hauptkasten: Die
Priester, die neben den Königen und Kriegern einen großen Einfluss auf
den Staat der Arier hatten, und als dritte Kaste die Händler, Geschäftstreibenden
und Großgrundbesitzer. Zwischen den Priestern und den Kriegern bestand
eine zweck-notwendige Abhängigkeit: Die einen besaßen geistige, die
anderen kriegerische Macht. Beide Gruppen setzten sich durch ihre Macht
und das Privileg, die heiligen Schriften lesen zu dürfen, von der dritten
Kaste ab. Aus den Drawiden, die diesen kulturellen Einfluss sowie die
Religion der Arier akzeptierten, entwickelte sich eine neue Gruppe: die
Shudras (Handwerker, Sklaven, Bauern). Sie galten als von den Ariern
erobert und waren gut genug, den anderen drei Gruppen im gemeinsamen
Lebensraum die Dienstleistungen beizusteuern. Sie hatten nicht das Recht
auf eigene religiöse Schriften und durften nicht opfern. Sie waren durch
Unterwerfung minderwertig.
Aus
einer weiteren Gruppe, die die arische Religion (Hinduismus) und Kultur
nicht akzeptierte, entstanden die Kastenlosen. Jene standen außerhalb des
Hinduismus und hatten weder religiöse noch politische Rechte. Sie waren
verstoßen und verrichteten von da an die Arbeiten, die ein Hindu nicht
mit seiner Religion vereinbaren konnte und wollte.
Sie
arbeiteten z.B. als Wäscher, Latrinenreiniger, Müllbeseitiger, Schuster
und vor allem Landarbeiter. Im Lauf der Zeit veranlasste der Druck der
Gesellschaft die Kastenlosen, den hinduistischen Glauben anzunehmen oder
später auf andere Religionen (Islam, Christentum) auszuweichen.
Die
zentralen Inhalte des Hinduismus sind der Glaube an die Wiedergeburt
(Reinkarnation) und die Vorherbestimmtheit des Schicksals (Karma). Ziel
eines jeden Hindus ist daher die Führung eines gesetzestreuen Lebens, um
eine Kaste höher wiedergeboren zu werden. Der Glaube an das Karma erlaubt
es einem Hindu nicht, sich gegen unwürdige Zustände in seinem jetzigen
Leben zu wehren. Bis heute verhindert das Kastenwesen dadurch die
Entwicklung einer chancengleichen Gesellschaft.
Die
Leidtragenden dieses Systems sind die Kastenlosen, die heute ca. 25 % der
Bevölkerung ausmachen. 90 % der Kastenlosen lebt auf dem Land. Dort
wurden und werden sie von den höherkastigen Grundbesitzern als billige
Arbeitskräfte ausgenutzt. Sie müssen mit einem minimalen Einkommen ihre
Familien ernähren. Die wenigsten der Kastenlosen haben eine Schulbildung,
durch die schlechten hygienischen Verhältnisse sind Krankheiten und
Seuchen weit verbreitet.
Die
Aufhebung des Kastensystems nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens
hat sich hauptsächlich In den Großstädten durchgesetzt, auf dem Land -
und Indien besteht fast nur aus ländlichen Gebieten - hat sich wenig geändert.
"Mit
der Entwicklung einer modernen Gesellschaft ist das Kastenwesen völlig
unvereinbar, reaktionär und eine Barriere gegen jeden Fortschritt. In
seinem festgefügten Rahmen kann es keine Chance für Gleichheit geben,
noch kann politische Demokratie und noch weniger wirtschaftliche
Demokratie entstehen." (J. Nehru, 1. Premierminister Indiens)
Die
Unterdrückung der drawidischen Urbevölkerung durch die arischen Eroberer
zieht sich wie ein roter Faden durch die indische Geschichte, und setzt
sich heute in der Ausbeutung der land- und kastenlosen Dalits durch die
Kastengesellschaft fort.
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